Allgemein/Logbuch der Reiseleitung

Alltag und Heldentum: Passt das überhaupt zueinander?

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Erwischt! Von wegen Heldenreise. Als ich die Stadtbibliothek Dinslaken darum bat, die vergangenen zwei Jahre der #BibReise angelehnt an das Format der Heldenreise zu schildern, wurde mir dieser Zahn gleich gezogen:

Eines sollten wir gleich klarstellen: Diese Reise hat uns nicht zu Heldinnen gemacht. Außergewöhnliche Leistungen haben wir nicht bewiesen.

Kampfgeist und Durchhaltewillen waren zwar vorhanden, aber wir haben keinen Drachen erschlagen, nur unseren inneren Schweinehund besiegt. Wir haben uns bemüht, bei den vielen Aufgaben und Herausforderungen vorbildlich zu arbeiten, sind aber keine Heldinnen der Arbeit geworden. Aufopferungsbereitschaft und selbstloses Handeln waren auch nur bedingt gefordert.

Um unsere Reise werden keine Legenden entstehen, die noch über Generationen erzählt werden können. Weiße Flecken auf den Social-Media-Karten haben wir auch nicht gefunden. Irgend jemand war immer schon vor uns da und hat seine Flagge, sprich seine Ideen, hinterlassen. Eine Erstbesteigung, eine Entdeckung oder eine Durchquerung unbekannter Räume waren uns nicht vergönnt.

Kampf mit wilden Tieren? Nein, auch nicht erforderlich. Monster ? Fehlanzeige.

Pioniertaten lassen sich im Social Web dieser Tage kaum mehr machen. Selbst wenn neue Gebiete, sprich neue Social Networks, aufplöppen: Mehr als ein müdes Zucken geht kaum mehr durch den digitalen Raum. Wer weiß, vielleicht wird sich das dereinst ändern. Doch die Hoffnung auf eine Ablösung der momentanen Social-Media-Metropolen Facebook, Twitter und Instagram erfüllte sich in den letzten Jahren nie.

Was war die #BibReise denn nun, wenn keine Heldenreise?

Wenn man die #Bibreise charakterisieren sollte, dann als #Pilgerreise – mit ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Unbekanntem, lang, unbequem und anstrengend.

Und das Wichtigste: sie bot auch Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken – über uns, unsere Ziele und Möglichkeiten – Aber auch über unser Team mit all seinen Schwächen und Stärken. Sie zwang uns hin und wieder zum Innehalten und warf auch Fragen auf: Was machen wir eigentlich, für wen und warum? Wie wollen wir in der Zukunft arbeiten? Was tun wir, wenn die Reise zu Ende ist – verwalten wir dann die Erinnerung? Warum haben wir die Reise, auch gegen Widerstand, auf uns genommen?

Es war gut, dass man bei der Gruppenarbeit in den internen Workshops sich Zeit auch für diese Fragen nehmen konnte. Der Gesprächsbedarf machte deutlich, dass wir uns dafür im Alltag viel zu wenig Zeit nehmen und nehmen können.

Der Alltag lässt in der Tat wenig Raum für Abenteuer, Extratouren und Heldentum. Die #BibReise neigt sich dem Ende und wir resümieren hier im Blog. Nicht als Selbstzweck. Natürlich ist es uns ein Anliegen, die Reisegruppen, also die Teams der dreizehn öffentlichen Bibliotheken, hier noch einmal von ihren Erfahrungen erzählen zu lassen. Und sie dadurch auch nochmal in all ihrer Vielfalt und ihrer Eigenheit sichtbar zu machen. Doch es geht auch darum, die Reise-Erfahrungen weiterzugeben. Sie mögen Ermutigung und Inspiration sein für andere Institutionen und Teams, die sich dem digitalen Wandel stellen.

In dieser Folge treten die Stadtbibliothek Dinslaken, die Stadtbibliothek Detmold und die Stadtbücherei Eschweiler auf. Drei ganz verschiedene Orte, drei ganz unterschiedliche Teams – nicht allein von der Größe her.

Stadtbibliothek Detmold

Das Detmolder Team hatte neben der #BibReise übrigens noch zwei andere Großprojekte am Start. Gut, dass sie fabelhafte Wesen wie Eusebius und Eulalia an ihrer Seite wissen.

Die Detmolder sind bei Facebook und servieren dort Informationen über Veranstaltungen, Anekdoten aus dem Bibliotheksleben, Postings unter einem bestimmten Hashtag (z.B. #TürzumWochenende), demnächst regelmäßige Updates zur Renovierung und Teaser zu Blogbeiträgen.

Diese wiederum erscheinen in ebenjenem Blog: https://stadtbuechereidetmold.wordpress.com. Darin gibt es Verweise auf Veranstaltungen und Aktionen, ein Umbau-Tagebuch, Blogbeiträge mit meist bibliotheksrelevanten Themen, liebevoll erzählte Anekdoten aus dem Leben des Bibliotheksmaskottchens Eulalia und charmante Filmchen und Geschichten.

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Inzwischen übrigens Stadtbibliothek und nicht mehr ‚Stadtbücherei. Umbau und Umbenennung.

Eigentlich steckt das Team vollauf im Umbau. Aber erzählt doch mal kurz: Was waren die größten Herausforderungen, gibt es besondere Erinnerungen, hat sich etwas verändert?

Stadtbücherei Eschweiler

In einem kleinen Team müssen alle ran. Und das sieht dann so aus:

Was mich besonders freut, ist, dass #eschweilermachtwas entstanden ist. Diese Aktion wirkt vor allem vor Ort. So hat sich kurzerhand ein Strick-Kränzchen eingenistet,  okkupiert regelmäßig die Stadtbücherei und tauscht sich über die neuesten Muster und verzwackte Probleme beim Stricken aus. Sehr schön.

Was war die größte Herausforderung in diesem Projekt?

Unsere größte Herausforderung war der Netzworking-Kurs,  besonders die zeitliche Unterbringung in den betrieblichen Alltag. Außerdem galt es, neue Ideen zu finden, umzusetzen und weiter zu entwickeln.

Was hat sich durch die #BibReise verändert?

Intern

  • Es fand eine Änderung in der Bewertung von Alltagssituationen statt. Sind diese digital zu verwerten?
  • Mehr Sicherheit im Umgang mit Veröffentlichungen im Hinblick auf rechtliche Fallstricke
  • Erhöhte Sensibilität im Umgang mit Posts / auch privat
  • Social Media als zusätzliches Arbeitsfeld
  • Geschärfter Blick nach außen für Social-Media-Aktivitäten Anderer
  • Aktiverer und professionellerer Umgang mit Social Media
  • Das Team ist mehr zusammengewachsen.

Extern

  • Mehr Kommunikation mit Kollegen anderer Bibliotheken
  • Größere Reichweite und Aufmerksamkeit bei Facebook
  • „Wir haben jetzt ein Blog.“
  • Die Bücherei ist sichtbarer geworden: Sie erfährt mehr Aufmerksamkeit im Netz und vor Ort.
  • Vorbildfunktion für den städtischen Facebookauftritt
  • Viele neue Follower bei Facebook und neue Nutzer werden erreicht.
  • Die Wichtigkeit von Vernetzung ist erkannt worden.
  • Veranstaltungen werden zusätzlich bekannt gemacht.

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Gab es einen besonderen Moment oder eine spezielle Anekdote?

Eine besondere Aktion war der letzte Workshop mit Frau Ladwig im Juli 2016:
#farberot #fotosessiondurchdieStadt. Und die Videoaufnahme der Polonaise.

Die Teilnahme am Barcamp in Duisburg – ein neues Workshop-Format für alle Kollegen.

Was war das Beste an der #BibReise?

  • Der Netzworking-Kurs – verschiedene Plattformen im Netz  kennen zu lernen
  • Die Idee von #eschweilermachtwas
  • Unser eigener Blog
  • Viele neue Kontakte persönlich und digital sind entstanden.
  • Der Austausch mit anderen Bibliotheken
  • Die professionelle Begleitung während des Projektes
  • Positive Rückmeldungen von Nutzern

Was war das Schlimmste?

  • Der zeitliche Dauerdruck beim Netzworking-Kurs
  • Zu lernen, im Netz persönlich durch Fotos sichtbar zu sein.
  • Genügend Zeit für die Aktivitäten im Arbeitsalltag zu finden.

Das Eschweiler Team ist bei Facebook : https://de-de.facebook.com/Stadtbuecherei.Eschweiler und bloggt: https://stadtbuechereieschweiler.wordpress.com. 

Unter beiden Links findet man natürlich ein „Nettes Team!“. Bei Facebook gibt’s viele Infos zum Alltag in der Stadtbücherei Eschweiler und was es sonst so gibt vor Ort. Wir teilen witzige und/oder wichtige Posts von „Vernetzten“. Es gibt Austausch und direkte Kommunikation mit Kunden. Wir werben für uns, unsere Angebote und für Andere. Wir laden zu einem Besuch in der Stadtbücherei ein und wollen neugierig machen.

Im Blog gibt’s unser „geheimes Vokabularium“ mit für Außenstehende mehr oder weniger unbekannten Infos zur Arbeit, zu Angeboten und was uns sonst noch so einfällt. Das Alphabet ist noch nicht komplett.

Stadtbibliothek Dinslaken

In Dinslaken begannen wir, mit Dinslaken schließen wir heute. Und ich lasse die Leiterin der Stadtbibliothek Dinslaken, Edith Mendel (links im Bild), in ihren eigenen Worten beschreiben, welche Pfade das Team sich erwanderte. Denn besser könnte ich es gewiss nicht.

dinslaken

Bevor es überhaupt losging, wurde deshalb schon heftig diskutiert. Da die Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, waren auch die Reisewünsche sehr unterschiedlich. Jeder hatte also andere Vorstellungen, um was es eigentlich gehen würde und wohin. Einige hatten exotische Reiseziele vor Augen. Einige hatten beim Packen schon ihre Schwierigkeiten. Man wollte schließlich auf alle Klimazonen  vorbereitet sein. Die anderen wollten lieber eine Bildungsreise machen. Wieder andere freuten sich auf einen Abenteuerurlaub mit ungewissem Ausgang. Wie konnten wir ahnen, dass es von allem ein Bisschen geben würde.

Wer einmal unterwegs ist, möchte ankommen. Und wer gelernt hat, mit seinen Kräften hauszuhalten, ist auch in der Lage, lange Strecken zurück zu legen. Jeder Tag auf der Reise brachte mehr Routine ins Team und es wuchs der Mut, etwas Neues auszuprobieren.

Aber zwischendurch gab es auch Heimweh – ein sehr verständliches Gefühl, wenn man lange unterwegs ist. Die Sehnsucht nach dem Vertrauten und Bekannten stellte sich irgendwann bei jedem ein, auch wenn er noch so begeistert unterwegs war. Das bot die Gelegenheit, noch einmal mit dem Blick von außen auf unsere Aufgaben und Kommunikationswege zu schauen und sich im Team darüber zu verständigen, was „weg kann“ und was wir unbedingt erhalten wollen.

Wir haben interessante Bibliotheken kennengelernt, in denen nette Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Es war großartig, sie alle zwischendurch in den Camps zu treffen und dann festzustellen, dass sich auch die anderen Reisenden mal verlaufen können.

Aber es gab auch sonst viel zu lernen. Das wichtigste kam gleich zu Anfang – nämlich die Erkenntnis, dass wir nicht alleine reisen, sondern in einer Gruppe. Und nicht nur wir waren unterwegs, sondern viele, die sich untereinander informierten, austauschten und ergänzten.

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Von diesem Wissen konnten wir profitieren. Das kannten wir aus unserem Alltag so nicht. Bisher arbeiteten wir nach dem Motto: Wir informieren – Anregungen und Beschwerden gehen andere Wege. Dass Austausch und Information viel direkter funktionieren können, war eine wichtige und spannende Erfahrung. Aber wir mußten auch lernen, zeitnah damit umzugehen.

Und wenn alles harmonisch und in bestem Einvernehmen mit den „Followern“ beginnt, ist das Entsetzen um so größer, wenn ein Fehler passiert und negative Reaktionen kommen. Dann haben wir erfahren müssen, dass die Postings tatsächlich gelesen werden (ganz anders, als wenn Mitteilungen am Schwarzen Brett ausgehängt werden und tagelang unbemerkt bleiben).

Dann hieß es, Nerven behalten, Fehler eingestehen und berichtigen.

Es ist gut, dass das Team aus so vielen Talenten besteht. So hat jeder auf der Reise seinen Lieblingsort gefunden und das Vertrauen ist gewachsen. Wie wissen jetzt, was wir uns und anderen zutrauen können. Noch sind wir im Stadium des Ausprobierens und des Auslotens von Möglichkeiten. Aber wir haben uns dazu durchgerungen, hier auf die Talente der Mitreisenden zu vertrauen.

Unser bibliothekarischer Alltag ist alles andere als heldenhaft. Er eignet sich einfach nicht dafür. Wir sind gebunden an Dienstanweisungen, Verwaltungsvorgaben, gesetzliche Vorschriften, Regeln und Benutzungsordnungen uvm. Die Möglichkeiten, Kreativität und Kommunikationsbereitschaft miteinander zu verbinden und diese zu einem selbstverständlichen Teil der Arbeit werden zu lassen, waren bisher sehr beschränkt. Und zu Beginn der #Bibreise waren wir alle der Überzeugung, dass das auch schwerlich gelingen würde. Wir haben uns geirrt.

Reisen bietet auch die Chance, den Reiz von Umwegen und Sackgassen zu erforschen, auch wenn es Zeitverlust bedeutet, den man in Kauf nehmen muss.

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So kann man es zur Zeit als Strategie bezeichnen, auf FB und Co eine Art Spielweise zu sehen, wo Ideen auch ungeplant und spontan realisiert werden dürfen. Vielleicht erwächst hier der Eindruck des Unkoordinierten und dass der rote Faden fehlt.

Man kann es auch positiv bewerten. Es wird mit Überraschungen und spontanen Angeboten und Informationen gearbeitet, die zeigen können, dass Bibliotheksarbeit heute ein lebendiges Miteinander von Mitarbeitern auf der einen und Nutzern auf der anderen Seite sein kann.

Vielleicht passt das auch eher zu einem Helden. ER muss auch mit unvorhergesehenen Ereignissen und Herausforderungen fertig werden und dabei sein Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Die Digitalen Kommunikationswege sind eben wie Reisewege, die mal gerade oder kurvig, mal schlammig oder glatt verlaufen. Mal stecken wir im Stau und mal sind wir allein unterwegs. Sie führen in Sackgassen und auf Schnellstraßen. Nicht immer können wir selbst den Fortgang beeinflussen.

Diese Reise ist nicht dazu angetan, sich längere Zeit auszuruhen. Die nächste Etappe wartet schon. Es ist kein Ende in Sicht. Und so werden wir zum Globetrotter auf Dauer. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht zu Getriebenen werden.

Die Stadtbibliothek Dinslaken ist hier bei Facebook unterwegs. Und ich bin gespannt, wohin es das muntere Team weiterhin führen wird. Eine der größten Herausforderungen war, so die Rückmeldungen aus dem Team, die Scheu zu überwinden, dass man etwas falsch macht und dass man sich lächerlich machen könnte. Es ist auch gerade bei einem großen Team nicht unproblematisch, die ambitionierten Menschen mit einem Händchen für Social Media mit denen im Alltag zusammenzubringen, die dem Thema nach wie vor reserviert gegenüberstehen. Eine Herausforderung für alle. Was hilft? Miteinander lachen schon mal sehr. Und sich gegenseitg immer wieder das Vertrauen auszusprechen.

In Dinslaken habe ich übrigens bestimmt drei Kilo zugelegt. Von selbstgebackenen Broten und Kuchen über eigens hergestellte Dips und Salate gab es immer ein wundervolles Mittagessen. Ohnehin sind Bibliotheksmenschen ungemein gastfreundlich. Allein dafür bedanke ich mich bei allen sehr!

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Der nächste Beitrag folgt!

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4 Kommentare zu “Alltag und Heldentum: Passt das überhaupt zueinander?

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