Allgemein/Logbuch der Reiseleitung

Spieglein, Spieglein: Die #BibReise als Weg zu sich selbst

Die #BibReise schreitet voran. Angelehnt ist sie an der Heldenreise, einer archetypischen Struktur einer Geschichte. Dem Ruf ins Abenteuer folgten dreizehn öffentliche Bibliotheken aus Nordrhein-Westfalen. Die Heldinnen und Helden fanden auf ihrem Weg ins Abenteuer Mentoren und Gefährten. In ersten Herausforderungen wurde es schräg, seltsam, anstrengend, lustig und – anders. Auf knapp zwei Jahre ist diese Heldenreise, dieses Coaching- und Qualifizierungsprogramm im Rahmen der Initiative Lernort Bibliothek unter der Ägide der Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW angelegt. Zwei Jahre, in denen Social Media in den Bibliotheksalltag integriert und der digitale Raum als selbstverständliche Erweiterung der öffentlichen Bibliotheken gelebt wird.

Die Aneignung des digitalen Raums als Prozess

Mit den Workshops in Leverkusen, Espelkamp und Oberhausen ging diese Woche eine weitere Reiserunde zuende. Diesmal besuchte ich allein die Bibliotheken. Während es in der Runde davor um die Themen digitale Identität, Verortung und digitale Nachbarschaft ging, widmeten wir uns diesmal den Themen Selbstbild – Fremdbild und Storytelling. Alle Bibliotheken haben seit den letzten Workshops ihre Aktivitäten im digitalen Raum intensiviert. Manche haben interne Whatsapp- oder Facebook-Gruppen gebildet, um sich besser miteinander auszutauschen. Andere haben Blogs oder Accounts bei Instagram oder Twitter gestartet und ihre Facebook-Seite mit Leben gefüllt.

Dreizehn Bibliothken, dreizehn unterschiedliche Teams, Erfahrungen, Erwartungen, Interessen, Anforderungen, Rahmenbedingungen und natürlich: Ganz unterschiedliche Ideen. Exemplarisch greife ich mir die Stadtbücherei Espelkamp heraus, um zu erzählen, was wir bei dieser Reiserunde gemacht haben.

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Schon in den Tagen vor meiner Reise nach Espelkamp stellte ich eine Veränderung fest: Die Espelkamper sind bei Facebook, Twitter und Instagram Teil meines digitalen Alltags geworden. Das Vorfreuen, Hinfahren und Ankommen machte gleich viel mehr Spaß, weil ich meine Anreise etwa über Bilder bei Instagram adressieren konnte. Sowas schafft Nähe und man schaukelt sich schon gegenseitig vor dem Workshop aufeinander ein.

Den Tag begannen wir mit einer Bestandsaufnahme: Was hat sich seit dem letzten Mal mit dem Blick auf die eigene Nutzung von Social Media, aber auch für die Stadtbücherei verändert? Was klemmt, was klappt gut, war etwas überraschend, ärgerlich oder erfreulich?

Aus der Mitte entspringt ein Fluß: Mit munterer Gelassenheit zu mehr Souveränität

Es geht in diesem Coachingprogramm um verschiedene Ebenen: Was wollen die Bibliotheken im digitalen Raum bewirken und auslösen? Inwiefern steht das im Zusammenhang mit der Arbeit vor Ort? Wie können die Bibliotheken lebendig und interessant über das im Digitalen sprechen, was sie im Analogen gut machen? Wie werden eigene Inhalte sichtbar? Wie gelingt eine effektive Vernetzung? Wie entwickeln die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein sicheres Gespür für die Funktionalitäten, Grenzen und Möglichkeiten von Social Media?

Hierbei hilft vor allem eins: Machen. Und regelmäßig innezuhalten, über die Erfahrungen zu sprechen, sich über Erlebtes, Unsicherheiten und Ideen zu verständigen. Miteinander reden. Innere und äußere Souveränität im Umgang und Einsatz sozialer Medien sind wichtige Ziele dieses Coachingprogramms.

Im Spiegel der anderen: Fremdbild und Selbstbild

Diesmal brachte ich außerdem Geschenke mit: Innerhalb der Gruppe der dreizehn Bibliotheken hatte ich jedem Team zwei bzw. drei Partnerbibliotheken zugelost, die sich gegenseitig Feedback geben. Zum einen ist es realisitischer, zwei bis drei andere Teams in Social Media regelmäßig zu beobachten und einzuschätzen. Zum anderen ergeben sich nun mal andere Gespräche, wenn man nicht mit zwölf anderen an einem imaginären Tisch sitzt, sondern mit zwei oder drei anderen.

Aufgabe war nun, anhand der Social-Media-Aktivitäten eine Rückmeldung zu geben: Wie nehmen die Teams einander wahr, auf Grundlage der Texte, Fotos und Geschichten, die sie finden? Was erzählen diese Inhalte über die anderen? Was fällt als positiv, was fällt als negativ auf? Was wird möglicherweise vermisst?

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Im Gepäck hatte ich also für die Espelkamper Rückmeldungen aus Ochtrup, Oberhausen und Bad Salzuflen. Als Geschenke verstehe ich sie deshalb, weil sich die Teams gegenseitig Zeit und Aufmerksamkeit schenkten. Und immer wieder spannend: Stimmen die Eindrücke damit überein, wie das Team sich verstanden fühlen und wahrgenommen werden möchte? Was lösen sie mit ihren Postings aus? Und was fehlt vielleicht?

Nicht wirklich überraschend: Was die Espelkamper machen, kommt gut an. Die Accounts bei Twitter und Instagram sind noch recht neu, entwickeln sich aber gut. Twitter kurbelt die unmittelbare Vernetzung an, während Instagram eine ausgezeichnete Sehschule ist. Und so spielen die Espelkamper denn auch »Ich sehe was, das du nicht siehst«: Monatlich wechselnde Mottofarben schulen den Blick und für den Betrachter ergeben sich vielfältige Bilder, die auf den Ort und die Menschen dahinter neugierig machen. Mit Verve mache dies auch die Bielefelder, die wöchentlich ein Motto wählen, wie etwa zuletzt #Glitzer. Die Leverkusener sammeln derweil unter dem Hashtag #bibzoo die Tierwelt in Bibliotheken.

(Zur Feier des Tages gab’s für den Übergang vom grünen Mai zum blauen Juni übrigens noch den passend eingefärbten Kuchen. Lecker!)

Woran es noch fehlt: Vernetzung und Sichtbarkeit. Schöne Inhalte sind das eine. Aber es braucht noch Erfahrung und Strategien, damit Menschen davon auch erfahren und Lust bekommen, diese zu verfolgen.

Bemängelt wurde bei den Espelkämpern, dass das Team, die Menschen hinter den Accounts nie zu sehen sind. Nun, das wird sich bestimmt nun ändern! Die Auseinandersetzung mit den Rückmeldungen der anderen diente zusätzlich der Schärfung des Eindrucks, den die Espelkamper hinterlassen möchten. Sich im Team gemeinsam bewusst zu machen, wie man wahrgenommen werden und was man beim Rezipienten und Gesprächspartner bewirken möchte, vermag auch Unsicherheiten zu beseitigen, als Mitarbeiterin oder als Mitarbeiter für die Bibliothek zu sprechen und den passenden Ton zu finden.

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Ich sehe was, das du nicht siehst

Am Beispielen des Jahresberichts der Stadtbibliothek Erlangen gab es dann für die Espelkamper die Aufgabe, die eigene Wahrnehmung zu schulen: Wie nehmen sie die anderen wahr, deren Angebote und die Form des Ausdrucks, den Ton, die Wahl der Worte und die Bilder? Was erzählt uns dieser Film über die Erlanger? Und worin bestünde der Unterschied, wenn dieser Film von einer Agentur umgesetzt worden wäre? Wie kann man die Wirkung erzeugen, die man sich wünscht?

Es ist eine Frage der Übung, den Blick zu schulen, mit welchen Medienformaten, Perspektiven und Ausdrucksmitteln man welche Wirkung erzeugt. Mitunter ist man auch bei anderen viel zu oft mit einem „Gefällt mir/Gefällt mir nicht“ bei der Hand. Ohne sich bewusst zu machen, was die anderen möglicherweise auslösen möchten und ob man abseits von Geschmacksfragen einfach nur nicht zum adressierten Zielpublikum gehört.

Erzähl‘ mir eine Geschichte – und ich erzähle dir etwas über dich

Und damit waren wir dann auch beim Thema Storytelling: Was macht gutes Storytelling, was macht kreative Inhalte aus? Was lässt sich grundsätzlich vom Erzählen von Geschichten lernen, das Anregungen und Sicherheit in der Gestaltung und im Finden von Inhalten gibt? Warum erzeugen Strukturen Spannung? Wie erlangt man die Aufmerksamkeit von Menschen? Und wie lässt sich die Wahrnehmung bewirken, die man sich selbst erhofft und wünscht?

Perspektivwechsel, Aufgreifen vertrauter Motive, die Nowendigkeit eines Konflikts für eine gute Geschichte und das Spiel mit Gegensätzen, Strukturen und Genres gehörten zum Nachmittag dazu. Natürlich mit selbsterzählten Nonsensgeschichten.

Espelkamp selbst ist ein Ort mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Und einer ganz eigenen Atmosphäre. Übrigens auch mit einem geradezu verstörenden Phänomen: Autofahrer lassen Passanten mit Höflichkeit und einer Seelenruhe über die Zebrastreifen. Sie bremsen rechtzeitig ab, halten mit Abstand und zwar solange, bis man die Straße überquert hat. Dann fahren sie sanft los. Sensationell.

Historie und Atmosphäre des Ortes, der nach dem zweiten Weltkrieg als moderne Plansiedlung für Vertriebene und Immigranten enorm erweitert wurde, liefern viele Geschichten, die erzählt werden können. Ein bestens dokumentiertes Text- und Bildarchiv in der Stadtbücherei ist ein Schatz, der gehoben werden möchte. Wie man das angehen könnte, darüber sprachen wir dann noch auf der sonnigen Dachterrasse der Stadtbücherei. Härrrlisch!

Die #BibReise als Weg zu sich selbst?

Was hat es mit der Überschrift auf sich? Nun, Social Media verhilft Bibliotheken nicht nur dazu, etwas über die Interessen, Bedürfnisse, das Medienverständnis und das Kommunikationsverhalten ihrer Kunden und Kooperationspartner herauszufinden. Aktivitäten in Social Media erfordern auch die Auseinandersetzung mit sich selbst, um einen eigenen und vor allem einen gemeinsamen Ton zu finden sowie eigene Themen und Geschichten. Deshalb bringt Social Media oft auch an den Tag, wenn die interne Kommunikation nicht stimmt oder die Alltagskultur in der Bibliothek in einer Schieflage hängt. Das erschwert einen unbefangenen Umgang mit Social Media, wenn es nicht gar unmöglich wird. Erforderlich ist dann eine Analyse der Probleme sowie deren Lösung. Teams, die solidarisch und fröhlich miteinander arbeiten können, haben es da sehr viel leichter – auch wenn die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so unterschiedlich wie die Orte und die Menschen selbst sind.

In der nächsten Workshoprunde geht es für alle Bibliotheken ins sommerliche Kreativlabor. Vorher treffen wir uns am 15. Juni aber zu einem internen Barcamp, bei dem sich die Teams jenseits von Digitalien kennenlernen und austauschen können.

 

 

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3 Kommentare zu “Spieglein, Spieglein: Die #BibReise als Weg zu sich selbst

  1. Pingback: Spieglein, Spieglein: Die #BibReise als Weg zu sich selbst | Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW

  2. Hat dies auf gophis mobile Rund-Reise rebloggt und kommentierte:
    Ich möchte meine Leser gerne auf dieses sehr spannende und hoch interessante Projekt aufmerksam machen. Ich verfolge die Aktivitäten der #BibReise mit, um diesen spannenden Prozess, wie sich öffentliche Bibliotheken mit der Digitalisierung und vor allem der damit einhergehenden Social Media Öffnung, umgehen.

    Gefällt mir

  3. Pingback: Zwischenfazit und Einblick ins Kreativlabor | #BibReise

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